Die tausend Abschiede vor dem Tod
“Man sieht die Sonne langsam untergehen und erschrickt doch, wenn es plötzlich dunkel wird”. Mit diesem Zitat von Franz Kafka eröffnete ich kürzlich eine Trauerfeier und es hat mich zum nachdenken gebracht: Über die tausend Abschiede, die man mit einer schwerkranken Person erlebt, bevor sie verstirbt.
Antizipatorische Trauer
Ich wusste nicht, dass es einen Fachbegriff gibt für die Art von Trauer, die einem einholt, bevor jemand stirbt. Dabei enthält sie so viele der Elemente, die auch die Trauer nach einem Todesfall ausmacht:
- Tiefe Traurigkeit
- Hilflosigkeit
- Angst vor all dem, was noch kommen wird
- Schuldgefühle, weil man nicht mehr tun kann
- Wut und Frustration
- Momente, in denen man gleichzeitig hoffnungsvoll und verzweifelt ist
Ich fände es einfacher, hier weiterhin in der Theorie und über Erfahrungen anderer Menschen zu schreiben. Doch ich habe diese Erfahrung persönlich gemacht. Wenn mir Angehörige schildern, wie sie beobachtet haben, wie das Lebenslicht ihrer Liebsten langsam auslischt, dann kann ich es so gut verstehen. Und doch ist es für mich eine Art von Trauer, über die man in meiner Erfahrung kaum spricht. Das möchte ich ändern.
“Wenn dies der letzte Sommer ist, in dem meine Mutter noch lebt, will ich diese Zeit ganz bewusst geniessen mit ihr”
Diesen Gedanken hatte ich im Sommer 2025 immer wieder. Ich wollte ihn nicht haben. Denn das würde bedeuten, dass ich sie bald verlieren könnte und ich wollte dies weder herbei-denken noch reden noch sonst irgendwas. Aber ein Anteil ganz tief in mir drin wusste, dass unsere gemeinsame Zeit zu einem Ende kommt. Es war ein Bauchgefühl, über dass ich kaum mit jemandem sprechen konnte, weil es sich für mich verrückt anfühlte, es laut auszusprechen. Denn meine Mutter hatte noch viele gute Tage im letzten Sommer. Solche, die uns hoffen liessen, dass es doch noch länger weitergehen wird. Doch dann gab es auch die anderen Tage.
Die Tage mit Spitalaufenthalten, bei denen man nicht wusste, welches Resultat sie bringen. Die Tage, in denen ich spürte, dass ihre Lebenskraft schwand. Die Tage, an denen mir immer klarer wurde: So gerne ich sie festhalten würde – so sehr war es immer weniger das, was für sie “richtig” war. Denn unser Loslassen würde auch bedeuten, dass ihr Leiden zu Ende gehen darf.
Der Loslass-Prozess
Dieser Loslass-Prozess fühlte sich häufig an, wie dieses Bild: Ich fühlte mich oft komplett im Nebel und versuchte doch immer wieder, irgendwie das Licht zu finden. Ich wollte sie nicht schon betrauern, solange sie noch lebte. Und doch war ich häufig unendlich traurig und wusste nicht, wohin mit diesen Gefühlen. Natürlich versuchte ich, diese Gefühle ihr gegenüber nicht zu zeigen, denn ich wollte sie damit nicht belasten. Heute wünschte ich mir manchmal, ich hätte es mehr gemacht. Ich wünschte mir, ich hätte mehr darüber gesprochen, was mich bewegte – mit ihr, aber auch mit anderen Menschen.
Seit ich mich vermehrt mit Trauer auseinandersetze und mich in das Thema reinlese, umso mehr beginne ich zu verstehen: Was ich im letzten Sommer durchmachte, war eine normale psychische Reaktion und bedeutete nicht, dass ich meine Mutter damit „schon aufgegeben“ hatte. Vielmehr hatte meine Psyche irgendwie versucht, sich langsam auf den bevorstehen Abschied einzustellen. Hat mir dies etwas “gebracht”?
Ich behaupte: Egal, wie viel antizipatorische Trauer du schon erlebt hast – nichts bereitet dich auf die Trauer “danach” vor
Als mich kürzlich jemand fragte, wie sie mit der Situation umgehen sollte, dass jemand in ihrem nahen Umfeld sehr krank ist und vermutlich bald sterben wird, musste ich ziemlich lange darüber nachdenken, was ich sagen sollte. War ich überhaupt in der Lage, diese Frage zu beantworten? Natürlich konnte ich meine persönlichen Erfahrungen mit ihr teilen – doch wie in allem, wenn es um Trauer geht, gibt es kein “Richtig” oder “Falsch”.
Ich habe darüber nachgedacht, was mir die antizipatorische Trauer “gebracht” hatte. Hatten mich all die schlaflosen Nächte, das ganze Overthinking, das Sorgen auf Vorrat machen, die Tränen, die ich während ihrer Krankheit vergossen hatte, wirklich “vorbereitet” auf den endgültigen Abschied? Aus meiner heutigen Perspektive würde ich sagen, dass die Antwort darauf “Nein” ist.
Denn mein Gefühl war häufig, dass ich in hohem Tempo auf eine Wand zufuhr und nichts und niemand konnte den kommenden Aufprall stoppen. Und der Aufprall kam mit voller Wucht – die ganze mentale Vorbereitung auf den Abschied war schlussendlich nicht der Airbag, den ich mir vielleicht irgendwie erhofft hatte. Die Trauer traf mich heftigst und der Schmerz war und ist trotz aller “Vorbereitung” darauf einer, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Kein Durchdenken von allen möglichen “Was wäre wenn” Szenarien hatte mich antizipieren lassen, was die Trauer auf meiner Gefühlsebene mit mir machen wird.
Aus meiner heutigen Perspektive würde ich mir wünschen, ich hätte in den letzten Jahren weniger “auf Vorrat” getrauert
Ich würde die Zeit mir ihr noch bewusster geniessen. Ich würde sie viel mehr fragen, worauf sie stolz war, was sie erfüllt hat in ihrem Leben und was ihre schönsten Erinnerungen sind. Und ich würde versuchen, noch stärker mit all den mentalen Tools zu arbeiten, um für mich einen guten Umgang mit der Situation zu finden. Vor allem aber würde ich mehr über meine Verlustängste und meine Hoffnungen reden, viel mehr.
Und genau darum spüre ich auch immer wieder, wie stark mich die Aufgabe als Trauerrednerin ruft. Weil ich auch für andere Betroffene einen sicheren Ort erschaffen möchte, in welchem sie solche Gefühle teilen können. Weil ich immer wieder die Erfahrung machen darf, dass die Verbindung zu anderen Menschen genau das Licht ist, welches Orientierung bieten kann, wenn rundherum alles dunkel wird.

